Merit Order und Einheitspreis — warum das teuerste Kraftwerk den Preis für alle setzt
Merit Order und Einheitspreis — warum das teuerste Kraftwerk den Preis für alle setzt
Grafik: Der Merit-Order-Effekt — die Nachfrage trifft auf die nach Kosten sortierten Kraftwerke; günstiger Wind- und Sonnenstrom verschiebt das preissetzende Kraftwerk nach links — via Wikimedia Commons — Public domain / Andromedus
Eine Frage, die uns immer wieder erreicht: Lässt sich eigentlich nachvollziehen, welche Kraftwerke gerade den Strompreis setzen? Warum ist der Arbeitspreis an der Börse zeitweise so hoch — und ist dieser Preis kostendeckend entstanden oder spekulativ? Die gute Nachricht: Der Mechanismus ist kein Geheimnis, er ist Lehrbuch. Und die Daten dazu liegen offen. Man muss nur wissen, wo man hinschaut.
Wie die Börse den Preis bildet: die Merit Order
Der Großhandelspreis für Strom entsteht am sogenannten Day-Ahead-Markt: Für jede Stunde des nächsten Tages geben Kraftwerksbetreiber und Händler Gebote ab, eine Auktion räumt den Markt. Das Ordnungsprinzip dahinter heißt Merit Order, zu Deutsch etwa „Reihenfolge nach Verdienst".
Alle verfügbaren Kraftwerke werden nach ihren variablen Kosten sortiert — also nach dem, was eine zusätzlich erzeugte Kilowattstunde tatsächlich kostet: Brennstoff, CO2-Zertifikate, Betriebsmittel. Diese Kurve steigt von links nach rechts an. Ganz links stehen die Kraftwerke, deren nächste Kilowattstunde fast nichts kostet: Wind- und Solaranlagen (kein Brennstoff), dann Kernkraft und Laufwasser, danach Braunkohle, Steinkohle, Gas und schließlich Öl. Die Nachfrage wird von links aufgefüllt, vom Billigsten aufwärts, bis der Bedarf gedeckt ist.
Das letzte Kraftwerk, das noch gebraucht wird, um die Nachfrage zu decken, heißt Grenzkraftwerk. Sein Gebot bestimmt den Preis — und zwar für alle. Welches Kraftwerk das ist, hängt an der Residuallast: der Nachfrage abzüglich dessen, was Wind und Sonne gerade liefern. Weht viel Wind und scheint die Sonne, reicht die Nachfrage nur bis zu einem günstigen Block hinein, der Preis ist niedrig. In einer windstillen, dunklen Stunde mit hoher Last muss ein teures Gaskraftwerk mitlaufen — und setzt einen hohen Preis für den gesamten Markt.
Einheitspreis: warum alle das Gleiche bekommen
Hier stutzen viele: Warum bekommt das billige Windrad denselben Preis wie das teure Gaskraftwerk? Das ist kein Fehler, sondern Absicht. Der Markt arbeitet mit einem Einheitspreis (im Fachjargon „uniform pricing" oder „pay-as-clear"): Es gilt für alle der Preis des Grenzkraftwerks.
Der Unterschied zwischen diesem Einheitspreis und den eigenen, niedrigeren Kosten eines günstigen Kraftwerks heißt Inframarginalrente. Genau daraus finanzieren die Betreiber ihre Fixkosten — den Bau, die Wartung, das eingesetzte Kapital. Ein Kraftwerk verdient über die variablen Kosten hinaus, damit es überhaupt gebaut wird und am Netz bleibt. Dieses Prinzip schafft außerdem einen sauberen Anreiz: Wer günstiger produziert, verdient mehr, also lohnt es sich, in günstige Erzeugung zu investieren. Ökonomen halten dieses Design in den meisten Fällen für effizient; die Verteilungsfragen, die es aufwirft, sind eine eigene Debatte.
Kostendeckend oder spekulativ?
Damit zur eigentlichen Frage. Der Einheitspreis ist so gebaut, dass das Grenzkraftwerk ungefähr seine variablen Kosten deckt und die günstigeren Anlagen die Differenz behalten. Das ist Standard-Marktdesign, keine Spekulation.
Die hohen Preise der Jahre 2021 bis 2023 waren überwiegend fundamental erklärbar: eine reale Gasknappheit und ein hoher CO2-Preis schlugen über das preissetzende Gaskraftwerk auf den gesamten Markt durch. Was in der Fachwelt tatsächlich strittig diskutiert wird, gehört ehrlicherweise dazu: die Übergewinne, die entstehen, wenn teures Gas den Preis setzt (dagegen richtete sich 2022 die Erlösabschöpfung); die Frage, ob der Einheitspreis in einem System mit sehr viel Wind- und Solarstrom noch das ideale Design ist; und der Punkt, an dem „spekulativ" real werden kann — Marktmacht einzelner großer Erzeuger. Diesen dritten Punkt behandeln wir im nächsten Teil dieser Reihe gesondert.
Wo man den preissetzenden Block sehen kann
Man muss das nicht glauben, man kann es nachschauen. Mehrere unabhängige und amtliche Stellen legen die Daten offen:
- SMARD, das Marktdatenportal der Bundesnetzagentur, zeigt Erzeugung, Verbrauch und Großhandelspreise Stunde für Stunde.
- Die Energy-Charts des Fraunhofer-Instituts ISE stellen Erzeugungsmix und Preis nebeneinander — daraus lässt sich ablesen, welche Technologie in einer Stunde marginal war.
- Die ENTSO-E Transparency Platform liefert die europaweiten Roh-Daten zu Erzeugung, Last und Preisen.
- Das Merit-Order-Tool der Forschungsstelle für Energiewirtschaft (FfE) stapelt die deutschen Kraftwerke nach aktuellen Brennstoff- und CO2-Preisen und kommt der Frage „welcher Block setzt gerade den Preis" am nächsten.
- Die Analyse „Eyes on the Price" des Beratungshauses Neon untersucht wissenschaftlich, welche Technologie wie oft preissetzend ist.
Eine ehrliche Einschränkung: Der namentliche Block „Kraftwerk X, Stunde Y" wird meist modelliert und abgeleitet, nicht in Echtzeit namentlich veröffentlicht. Die preissetzende Technologie aber ist gut nachvollziehbar.
Wer über Manipulation wacht
Bleibt die berechtigte Frage: Ist da Manipulation drin? Auch dafür gibt es eine zuständige, unabhängige Aufsicht. Die Markttransparenzstelle für den Großhandel mit Strom und Gas — gemeinsam getragen von Bundesnetzagentur und Bundeskartellamt — sammelt die Handelsdaten und verfolgt Insiderhandel und Manipulation. Rechtsgrundlage ist die EU-Verordnung REMIT, EU-weit koordiniert über die Agentur ACER. Hinzu kommt der jährliche Monitoringbericht von Bundesnetzagentur und Bundeskartellamt. Die Transparenz, die man hier vermuten könnte zu vermissen, existiert also — sie ist nur auf mehrere Stellen verteilt.
Was das mit „Nutzen statt Abregeln" zu tun hat
Hier schließt sich der Kreis zu unserem Anliegen. Wenn das teuerste noch gebrauchte Kraftwerk den Preis für alle setzt, dann ist der wirksamste Hebel gegen hohe Preise, dieses teure Kraftwerk seltener zu brauchen. Genau das leistet flexible Nachfrage: Verbrauch in die Stunden verschieben, in denen viel günstiger Wind- und Sonnenstrom im Netz ist. Dann rutscht das Grenzkraftwerk nach links, in den billigen Teil der Kurve — und der Preis sinkt für alle, nicht nur für den, der verschiebt.
Ein Elektroauto, das gezielt dann lädt, wenn die Sonne den Preis gegen null drückt, ist ein solcher Hebel. Und die zeitliche Erweiterung des §13k EnWG setzt an derselben Stelle an: überschüssigen Strom in den Stunden nutzen, in denen er sonst abgeregelt würde, statt ihn wegzuwerfen. Wer den Mechanismus der Merit Order verstanden hat, sieht, warum das kein Nischenthema ist, sondern direkt am Preis ansetzt, den am Ende alle zahlen.
Quellen
- SMARD — Strommarktdaten der Bundesnetzagentur
- Fraunhofer ISE — Energy-Charts
- ENTSO-E Transparency Platform
- FfE — Merit-Order-Tool des deutschen Kraftwerksparks
- Neon — „Eyes on the Price: Which Power Generation Technologies Set the Market Price?" (Hirth et al.)
- Markttransparenzstelle für den Großhandel mit Strom und Gas (BNetzA/Bundeskartellamt)
- REMIT — EU-Verordnung 1227/2011 (ACER)
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