Ladefreunde-Blog · Kanon Preisbildung (3/3)

Frankreichs Atomkraft und der deutsche Strompreis — wie der europäische Markt durchschlägt

17. Juli 2026 5 min Lesezeit Ladefreunde-Blog

Frankreichs Atomkraft und der deutsche Strompreis — wie der europäische Markt durchschlägt

Das französische Kernkraftwerk Cattenom nahe der deutschen Grenze

Foto: Das französische Kernkraftwerk Cattenom, wenige Kilometer von der deutschen Grenze — via Wikimedia Commons — CC BY 4.0 / Gerd Eichmann

Wenn in Frankreich Kernkraftwerke ausfallen, steigt bei uns der Preis. Stimmt dieser oft gehörte Satz? Und lässt sich umgekehrt feststellen, ob eine deutsche Preisspitze von inländischer Knappheit kommt oder davon, dass das Ausland uns den günstigen Strom wegkauft? Beides ist tatsächlich bestimmbar — man muss nur verstehen, dass der Strompreis längst kein rein deutscher ist.

Ein europäischer Markt: Market Coupling

Der Day-Ahead-Handel in Europa ist gekoppelt. Über das sogenannte Single Day-Ahead Coupling (SDAC) berechnet ein gemeinsamer Algorithmus namens EUPHEMIA die Preise für 27 Länder mit rund 61 Gebotszonen in einem Rechenschritt. Er verteilt zugleich die begrenzte Kapazität der Grenzkuppelstellen — also der Leitungen zwischen den Ländern — dorthin, wo sie den größten Nutzen stiftet.

Das Prinzip ist einfach: Der Algorithmus schickt Strom immer von der günstigeren zur teureren Zone, solange die Grenzleitung noch Kapazität hat. Sind die Grenzen nicht überlastet, gleichen sich die Preise an — dann gilt in mehreren Ländern derselbe Preis, und die gemeinsame Merit Order reicht über die Grenzen hinweg. Sind die Grenzleitungen dagegen voll ausgelastet, entkoppeln die Zonen: Jede bildet dann ihren eigenen, lokalen Preis.

Preiskonvergenz und Entkopplung

Diese beiden Zustände sind der Schlüssel, um eine Preisspitze zu deuten. Liegt der deutsche Preis in einer Stunde exakt auf dem der Nachbarn, war die Grenze frei — das preissetzende Grenzkraftwerk kann dann irgendwo im gekoppelten Raum stehen, auch im Ausland. Weicht der deutsche Preis von den Nachbarn ab, war die Grenze überlastet, und der Preis wurde lokaler gesetzt.

Weil der Markt gekoppelt ist, kann das Kraftwerk, das den deutschen Preis bestimmt, also physisch in Frankreich, den Niederlanden oder Polen stehen. Das ist keine Theorie, sondern täglich an den Daten ablesbar.

Der Frankreich-Effekt

Frankreich ist der Lehrbuchfall. Eine vielzitierte Studie mit dem Titel „Radioinactive" hat die Ausfallphase 2016/17 untersucht, als rund ein Fünftel der französischen Kernkraftleistung wegen Sicherheitsprüfungen vom Netz war. Das Ergebnis lässt sich sauber beziffern: Der deutsche Spotpreis stieg durch die zusätzlichen Exporte nach Frankreich um 3,2 Prozent oder 1,36 Euro pro Megawattstunde; über die verringerten Importe aus Frankreich kam ein weiterer Effekt von 7,6 Prozent hinzu. Für Frankreich selbst fiel der Ausschlag mit 27,1 Prozent oder 17,42 Euro pro Megawattstunde ungleich größer aus.

Diese Zahlen stammen aus einer klar abgegrenzten Episode und taugen als Größenordnung. Der schwerere Fall war das Jahr 2022, als zeitweise etwa die Hälfte der französischen Reaktoren wegen Korrosionsproblemen und aufgeschobener Wartung stillstand; die Verfügbarkeit lag im Jahresmittel bei rund 54 Prozent gegenüber 73 Prozent in den Jahren zuvor. Frankreich wurde damals zeitweise zum Netto-Importeur. Eine einzelne, sauber isolierte Prozentzahl für die deutsche Preiswirkung dieses Ausnahmejahrs gibt es nicht, denn 2022 überlagerten sich Gaskrise und Atomkrise. Die Richtung aber ist eindeutig: Fällt in Frankreich viel Erzeugung aus, verknappt das auch das deutsche Angebot und hebt den Preis. Für Deutschland fällt der Effekt prozentual deutlich kleiner aus als für Frankreich.

In- oder ausländische Nachfrage — was den Preis setzt

Damit lässt sich die eigentlich spannende Frage beantworten, ob eine Spitze inländisch oder von außen getrieben ist. Man liest es an zwei Größen ab, beide offen auf der ENTSO-E Transparency Platform:

Erstens die Preiskonvergenz: Ist der deutsche Preis gleich dem der Nachbarn, spielt sich das Geschehen im gekoppelten Raum ab. Weicht er ab, ist die Grenze der Engpass. Zweitens die physikalischen Flüsse und die Netto-Position: Exportiert Deutschland am Kapazitätslimit der Grenzleitung, und liegt der deutsche Preis auf dem höheren Niveau des Nachbarn, dann zieht ausländische Nachfrage den deutschen Preis nach oben. Importiert Deutschland am Limit, und liegt der deutsche Preis über dem der Nachbarn, dann ist es inländische Knappheit, die die Importe nicht mehr auffangen. So lässt sich eine Preisspitze im Nachhinein Stunde für Stunde rekonstruieren.

Der dämpfende Effekt — und was daraus folgt

Der umgekehrte Fall ist genauso real: Günstiges Angebot aus dem Ausland — französischer Kernstrom, wenn er verfügbar ist, nordische und alpine Wasserkraft, dänischer Wind — senkt den deutschen Preis, solange die Grenzen nicht voll sind. Ist eine Grenze ausgelastet, kommt kein weiteres billiges Angebot mehr durch, und die Preise entkoppeln nach oben.

Diese Dämpfung ist also da, aber sie ist gedeckelt, und sie liegt außerhalb unseres Einflusses: Ob Frankreichs Reaktoren laufen, entscheidet Paris. Der Hebel, den wir selbst in der Hand haben, ist ein anderer — die eigene Flexibilität. Verbrauch in die Stunden mit viel heimischem Wind- und Sonnenstrom zu verschieben, macht Deutschland in den knappen, teuren Grenzstunden weniger abhängig davon, ob gerade günstiger Strom über die Grenze kommt. Ein Elektroauto, das seinen Bedarf in die Überschussstunden legt, nutzt den heimischen Strom genau dann, wenn er im Überfluss da ist.

Hier setzt die zeitliche Erweiterung des §13k EnWG an: überschüssigen Wind- und Sonnenstrom in den Stunden nutzen, in denen er sonst abgeregelt würde. Das ist heimische, krisenfeste Energie, die man nicht importieren muss — und jede so genutzte Kilowattstunde ist eine, für die kein teures Grenzkraftwerk und kein Import mehr nötig ist. Der europäische Verbund schlägt auf unseren Preis durch; ihm am wenigsten ausgeliefert ist, wer den eigenen Überschuss nutzt, statt ihn wegzuwerfen.

Quellen

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