Hans-Werner Sinn, das grüne Paradoxon und der Zappelstrom — was an der These dran ist
Hans-Werner Sinn, das grüne Paradoxon und der Zappelstrom — was an der These dran ist
Foto: Eine Ölförderpumpe — das billigste Öl hat fast keine Grenzkosten, das teure strandet zuerst — via Wikimedia Commons — CC BY 4.0 / Quintin Soloviev
Kaum ein Ökonom prägt die deutsche Energiedebatte so wie Hans-Werner Sinn. Zwei seiner Begriffe hört man immer wieder: das „grüne Paradoxon" und der „Zappelstrom". Beide verdienen eine ernsthafte Prüfung statt reflexhafter Zustimmung oder Ablehnung. Die These ist klüger, als ihre Gegner behaupten — und begrenzter, als ihre Anhänger meinen.
Die These, fair dargestellt
In seinem Buch „Das grüne Paradoxon" (2008) argumentiert Sinn von der Angebotsseite her. Klimapolitik, die absehbar die Nachfrage nach fossilen Brennstoffen senkt, wirke aus Sicht der Ressourcenbesitzer wie eine angekündigte Entwertung ihres Vermögens. Die naheliegende Reaktion: schneller fördern und verkaufen, solange sich das Öl noch zu Geld machen lässt. Kurzfristig könnten die Emissionen dadurch sogar steigen statt sinken. Wirksam sei am Ende nur eine Politik, die die Nachfrage global begrenzt — ein weltweiter CO2-Preis oder ein verbindliches Mengenlimit, etwa über einen Klimaklub.
Der Kern dieser Überlegung ist ökonomisch stichhaltig: Wer nur die Nachfrage in einer Region senkt, verschiebt möglicherweise nur, wer das Öl wann verbrennt. Das nennt man Carbon Leakage, und es ist ein reales Phänomen.
Der Well-to-Wheel-Test: warum billiger Grünstrom zählt
Dagegen steht ein starkes Gegenargument, das an den tatsächlichen Kosten ansetzt. Betrachtet man den ganzen Weg von der Quelle bis zum Rad („well to wheel"), liefert ein Benziner nur etwa 18 bis 20 Prozent der eingesetzten Energie ans Rad, ein Diesel rund 25 Prozent, ein Elektroauto hingegen etwa 64 Prozent. Öl ist im Verkehr also grob unterlegen. Sobald erneuerbarer Strom samt Batterie unter die gelieferten Energiekosten von Öl fällt, verliert Öl den Verkehrsmarkt aus reiner Wirtschaftlichkeit.
Warum, so lautet die berechtigte Frage, sollte dann überhaupt noch jemand Öl verbrennen? Die Antwort hat zwei Seiten, und beide sind wichtig.
Auf der Nachfrageseite stimmt das Argument: Ist die saubere Alternative pro geleisteter Fahrleistung billiger, bricht die energetische Ölnachfrage weg. Auf der Angebotsseite aber gibt es eine Einschränkung, und sie ist genau der Punkt, an dem Sinns Paradoxon teilweise überlebt. Das billigste Öl — etwa aus Saudi-Arabien mit Förderkosten von rund drei bis zehn Dollar je Barrel — hat nahezu keine Grenzkosten. Solange irgendeine energetische Nachfrage zu einem Preis über dieser Schwelle besteht, wird dieses Öl gefördert und verbrannt. Was zuerst im Boden bleibt, ist das teure Öl: Ölsande und Tiefseeprojekte mit Vollkosten von 50 bis 75 Dollar je Barrel werden unwirtschaftlich, sobald der Preis fällt. Und das ist der sichtbare, direkte Effekt billiger Erneuerbarer.
Die Auflösung: billiger Strom strandet das teure Öl, Elektrifizierung das billige
Damit lässt sich die Frage sauber beantworten. Billige Erneuerbare stranden das teure Öl unmittelbar über den Preis. Das billige Öl stranden sie nur mittelbar — indem die Elektrifizierung von Verkehr und Wärme die Nachfrage entfernt, sodass es für den Energieeinsatz keinen Käufer mehr gibt. Preiswettbewerb allein legt Drei-Dollar-Öl nicht still; der Entzug der Nachfrage tut es.
Genau hier liegt die eigentliche Grenze von Sinns These. Sie hält in einer Welt mit fortbestehender globaler Ölnachfrage und ohne Mengenlimit. Wird die Wende aber zum globalen, kostengetriebenen Phänomen — werden Erneuerbare und Elektrifizierung überall billig —, dann bricht die Nachfrage strukturell ein, und selbst die Ressourcenbesitzer finden für einen wachsenden Teil ihres Öls keinen Abnehmer mehr. Billiger Grünstrom ist damit keine Widerlegung des Paradoxons für sich, aber der Motor der Nachfragezerstörung, die es aushebelt. Ein verbindlicher CO2-Preis, wie ihn Sinn selbst fordert, erledigt den Rest.
Der wichtige Vorbehalt: Öl als Grundstoff ist etwas anderes
Ein Punkt gehört zur Ehrlichkeit dazu: Öl als Grundstoff ist ein anderer Markt als Öl als Brennstoff. Rund 12 bis 13 Prozent des Öls gehen heute nicht in die Verbrennung, sondern als Rohstoff in die Petrochemie; die Internationale Energieagentur erwartet, dass dieser Anteil bis 2050 auf etwa die Hälfte steigt, während die Verbrennungsnachfrage sinkt. Diese stoffliche Nutzung emittiert nichts, solange das Öl nicht verbrannt wird — und sie bleibt bestehen. Die These „am Ende wird alles verbrannt" gilt also von vornherein nicht für den Grundstoff.
Und der „Zappelstrom"?
Bleibt der zweite Begriff. Mit „Zappelstrom" wertet Sinn die schwankende Erzeugung aus Wind und Sonne ab. Der Einwand trifft einen realen Punkt: Volatile Erzeugung braucht etwas, das sie fest macht. Aber genau das ist keine Widerlegung der Erneuerbaren, sondern eine Aufgabenbeschreibung. Speicher, bidirektionale Fahrzeuge und verschiebbare Nachfrage machen aus schwankender Erzeugung eine planbare Versorgung. Der Überschuss, der heute in sonnen- und windreichen Stunden anfällt und teils abgeregelt wird, ist die Reserve für die knappen Stunden — wenn man ihn nutzt, statt ihn wegzuwerfen.
Damit schließt sich der Kreis zu unserem Anliegen. Die zeitliche Erweiterung des §13k EnWG macht genau diesen Überschuss nutzbar. Sie ist die praktische Antwort auf den Zappelstrom-Einwand: nicht mehr Erzeugung um jeden Preis, sondern die vorhandene, günstige Erzeugung dann verbrauchen, wenn sie da ist.
Quellen
- Hans-Werner Sinn — Das grüne Paradoxon (Buchseite des Autors)
- Das grüne Paradoxon: Plädoyer für eine illusionsfreie Klimapolitik (Wikipedia)
- Well-to-Wheel-Effizienz E-Auto vs. Verbrenner (Mobility)
- Petrochemie: Anteil der Ölnachfrage heute ~12 %, bis 2050 dominierend (IEA — The Future of Petrochemicals)
- Förderkosten: Saudi-Arabien vs. Ölsande (Hagen Energy Consulting)
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