Pakistan — der Solar-Blitz, der die Politik überholt

Foto: Smilingsaifi, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons.
Wie ein Land in 18 Monaten seine Dächer eindeckte
Wenn jemand fragt, ob die Energiewende „funktionieren kann", lohnt der Blick nicht nach Deutschland oder Kalifornien. Lohnt der Blick nach Pakistan.
Im Kalenderjahr 2024 importierte Pakistan 17 Gigawatt Solarmodule — mehr als jedes andere Land der Welt außer China und den USA. Im Jahr davor waren es noch 2,9 GW gewesen. Innerhalb von zwölf Monaten versechsfachte sich das Import-Volumen. Bis Mitte 2025 hatte das Land insgesamt rund 50 GW an Solarmodulen ins Land geholt.
Das Entscheidende: fast nichts davon ging an Großkraftwerke. Keine staatlich gebauten Solarparks. Kein zentrales Förder-Programm. Die Module wurden auf Dächer, Scheunen, Lagerhallen und Bewässerungskanäle gelegt — von Bürger:innen, kleinen Betrieben, Bauernhöfen.
Heute liegt die installierte Solarleistung Pakistans bei rund 15 Gigawatt — bei einer Netz-Spitzenlast von etwa 30 GW. Die Hälfte der Spitzenlast — von unten gewachsen, in eineinhalb Jahren.
Was den Aufstand ausgelöst hat
Der Pakistani-Solar-Boom war kein Geschenk der Regierung. Er war eine Notwehr-Reaktion. Im Juli 2024 erhöhten die staatlichen Stromversorger erneut die Tarife — als Reaktion auf hohe LNG-Importpreise und Schulden bei den Stromerzeugern (sogenannte „Kapazitätszahlungen", die selbst bei Nicht-Lieferung fällig wurden). Der Strompreis stieg auf ein Niveau, bei dem Privatpersonen und kleine Betriebe zum Taschenrechner griffen — und feststellten: Solar auf dem eigenen Dach war günstiger als der Bezug aus dem Netz.
Hinzu kam eine technische Glücks-Konstellation: chinesische Modulhersteller hatten 2023-2024 massive Überkapazitäten. Der Modul-Preis fiel auf 8 US-Cent pro Watt — historisch niedrig. Pakistan hatte gleichzeitig die Einfuhrzölle und Umsatzsteuern auf PV-Module ausgesetzt. Das Tor war offen.
Ergebnis: der Netz-Stromverbrauch in Pakistan fiel 2024 auf ein Vier-Jahres-Tief. Zweistellige Nachfrage-Rückgänge. Eine Death-Spiral: höhere Tarife → mehr Solar-Autarkie → noch weniger Netz-Kund:innen → noch höhere Tarife für die Übriggebliebenen.
Wer profitiert, wer trägt die Last
Der Pakistani-Aufstand ist kein gerechter Aufstand. Wer ein eigenes Dach hat — Industrie, Gewerbe, Mittelschicht — kann sich Solar leisten und entzieht sich dem Netz. Wer in Mietskasernen lebt, in Slums, in informellen Siedlungen — der bleibt im Netz und zahlt die steigenden Tarife. Die Solar-Revolution spaltet die pakistanische Strom-Gesellschaft entlang der Vermögensgrenze.
Die Regierung versucht nun gegenzusteuern: der Net-Metering-Buyback-Tarif (also der Preis, den Solar-Hausbesitzer für ins Netz gespeiste Überschüsse bekommen) soll von 9 ct/kWh auf 3,5 ct/kWh gesenkt werden. Begründung: die Solar-Hausbesitzer würden Kosten auf die Übrigen verlagern. Berechnungen der Regulierungsbehörde NEPRA: bis 2034 könnten diese Verlagerungen kumuliert auf 48 Milliarden US-Dollar wachsen, wenn nichts geändert wird.
Was wir aus Pakistan lernen können
Pakistan zeigt zwei Dinge, die für Deutschland unmittelbar relevant sind:
Erstens: Die Energiewende läuft auch ohne uns. Wer als Politik nicht handelt, wird übergangen. In Pakistan haben Bürger:innen das System schneller umgebaut, als jede Politik hinterherkommen konnte.
Zweitens: Wer kein Marktsignal liefert, verliert die Mitgestaltung. In Pakistan ist die Energiewende eine Sache von Reichen für Reiche geworden. Das Netz — und mit ihm die Mieter:innen, die nicht selbst Solar bauen können — wird zur Last für die Schwächsten. Genau diese Spaltung wollen wir in Deutschland vermeiden.
Unsere Petition zielt deshalb nicht auf Solar-Anlagen oder Autarkie — sondern auf Marktsignale im öffentlichen Strom-System. In den Stunden negativer Strompreise sollen die Schnellladesäulen kostenfrei werden. Damit profitieren nicht nur Hausbesitzer mit Wallbox, sondern auch die zwei Drittel der Bevölkerung ohne eigenes Dach. Wir reden nicht über Autarkie. Wir reden über gemeinsamen Netz-Sinn, auch über die 20 Mio Mieterhaushalte und Laternenparker.
Die Pakistani-Lehre für 2026: wenn die Markt-Regeln stimmen, geht es schneller, als alle Pläne annehmen. Wenn die Regeln nicht stimmen, gehen die Energiewende-Gewinne an die, die sich's leisten können — und die Stromrechnung an alle anderen.
Und 2026 wird der Druck noch größer. Pakistan kauft einen erheblichen Teil seiner Energie als teures Flüssigerdgas (LNG) auf dem Weltmarkt — genau jenem Markt, der Anfang 2026 durch den Iran-Krieg und die Sperrung der Straße von Hormuz erschüttert wurde: Der Ölpreis schoss von rund 72 auf über 120 Dollar je Barrel, LNG-Lieferungen blieben liegen. Wer importierte fossile Energie braucht, ist solchen Schocks ausgeliefert. Das eigene Solardach auf dem Hof in Punjab ist davon unberührt — es liefert weiter, egal was in der Straße von Hormuz passiert. Pakistans Bürger:innen haben sich ihre Energie-Souveränität selbst gebaut, weil die Politik sie nicht geliefert hat. Das ist der Kern: Erneuerbare sind nicht nur billig, sie sind erpressungssicher.
→ Direkter Hintergrund: CNN — How Pakistan pulled off one of the fastest solar revolutions in the world · World Resources Institute — Pakistan Solar Boom · Bloomberg/BNEF — Pakistan Sees Solar Boom
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