Drei Länder, drei Wege — wie das E-Tuktuk Asiens Straßen erobert
Foto: Eine voll besetzte E-Rikscha in Delhi — Indien ist der größte Markt der Welt — via Wikimedia Commons — CC BY-SA 4.0 / Nitin Maletha
Es knattert und ist doch das Herz urbaner Mobilität in Asien: das dreirädrige Tuktuk — mal Rikscha, mal Auto-Rickshaw, mal Trike genannt. Hunderte Millionen Menschen kommen damit täglich zur Arbeit, zum Markt, zur Schule. Und genau dieses unscheinbare Gefährt wird gerade leise — im Wortsinn — revolutioniert: Es wird elektrisch.
Spannend ist dabei, dass Indien, Pakistan und Thailand drei völlig unterschiedliche Wege gehen. Der gleiche Wandel, aber jeweils ein anderer Motor dahinter.
Der gleiche Wandel, drei verschiedene Motoren
Indien — die Revolution von unten. Indien ist der mit Abstand größte Markt für elektrische Rikschas der Welt. Über 1,5 Millionen E-Rikschas sind dort bereits unterwegs — Tendenz stark steigend. Das Bemerkenswerte: Diese Wende kam nicht aus dem Ministerium, sondern von der Straße. Millionen Kleinunternehmer haben schlicht ausgerechnet, dass eine elektrische Rikscha im Betrieb dramatisch günstiger ist — Strom ist schlicht billiger als getankter Sprit, und ein Elektromotor braucht kaum Wartung. So wurde Indien fast über Nacht zum globalen Spitzenreiter, ganz ohne große Subventionsprogramme.
Foto: Rikscha in Lahore — in Pakistan treibt der Staat den Umstieg auf Elektro an — via Wikimedia Commons — CC BY 2.0 / Waqas Mustafeez
Pakistan — die Revolution von oben. In Pakistan läuft es genau umgekehrt. Hier treibt der Staat den Wandel an. 2025 hat die Regierung eine nationale E-Fahrzeug-Politik aufgelegt, die bis 2030 jedes dritte neue Fahrzeug elektrisch machen soll. Hoher Spritpreis-Druck und teure Treibstoffimporte machen das Umsteigen attraktiv — der Staat hilft mit Zuschüssen nach. Pakistan steht damit noch am Anfang, bewegt sich aber mit politischem Rückenwind schnell.
Thailand — die Revolution fürs Image. In Thailand ist das Tuktuk weit mehr als ein Transportmittel: Es ist ein nationales Wahrzeichen und ein Tourismusmagnet. Entsprechend dreht sich die Elektrifizierung hier stark um Sauberkeit, Ruhe und Image. Ein elektrisches Tuktuk knattert nicht, qualmt nicht und passt damit perfekt zum Bild des „sauberen", modernen Reiselandes. Hotels und Tourismusbetriebe setzen das emissionsfreie Tuktuk gezielt als Aushängeschild ein.
Drei Länder, ein Trend — aber jeweils ein anderer Antrieb: in Indien der Geldbeutel, in Pakistan die Politik, in Thailand das Image.
Vertiefung: Zahlen, Treiber und Knackpunkte
Indien: Masse, Informalität und ein Milliardenmarkt
Der indische E-Rikscha-Markt wurde 2025 je nach Quelle auf rund 1,4 bis 1,6 Milliarden US-Dollar geschätzt, mit zweistelligen jährlichen Wachstumsraten. Der Bundesstaat Uttar Pradesh allein stand 2025 für rund 38 % der nationalen Verkäufe (266.106 Einheiten), gefolgt von Bihar. Über 80 % der Fahrzeuge sind Personentransporter, doch das Segment der Lasten-Rikschas wächst mit Abstand am schnellsten — ein Indikator dafür, dass die Elektrifizierung auch die „letzte Meile" der Logistik erfasst.
Die Schattenseite dieser Bottom-up-Dynamik: Vieles spielt sich im informellen Sektor ab. Ein großer Teil der Fahrzeuge fährt mit günstigen Blei-Säure-Batterien, die kurze Lebensdauern und Recycling-Probleme mit sich bringen. Regulierung, Sicherheit und Batteriestandards hinken dem Wildwuchs hinterher.
Pakistan: Politik-Push mit dünner Produktionsbasis
Pakistans „National Electric Vehicle Policy 2025–30" ist ehrgeizig: 30 % E-Anteil bei Neufahrzeugen bis 2030, 90 % bis 2040. Für das Haushaltsjahr 2025/26 wurden rund 9 Milliarden Rupien Subventionen bereitgestellt, mit denen unter anderem rund 116.000 E-Bikes und gut 3.000 E-Rikschas gefördert werden — wobei 25 % der Mittel gezielt für Frauen reserviert sind. Bemerkenswert: Die Politik denkt bereits Batterietausch-Systeme und sogar Vehicle-to-Grid (V2G) mit.
Die Realität auf der Produktionsseite ist allerdings noch bescheiden. Marktführer Sazgar, ein Pionier der pakistanischen E-Rikscha, fertigte zuletzt im Schnitt nur rund 30 E-Rikschas pro Monat. Insgesamt vergab der Staat 57 Produktionslizenzen — 55 davon für Zwei- und Dreiräder. Der politische Wille ist also da; die industrielle Skalierung muss erst noch folgen.
Foto: Ein elektrisches MuvMi-Tuk-Tuk in Bangkok — Thailands E-Tuktuk-Sharingdienst — via Wikimedia Commons — CC BY-SA 4.0 / Crcolas
Thailand: Premium statt Masse — mit 30@30 als Rahmen
Thailands Markt ist deutlich kleiner, dafür hochwertiger positioniert. Der Trike-Markt wurde 2023 auf rund 380 Millionen US-Dollar taxiert, mit etwa 9 % jährlichem Wachstum. Schon 2023 waren 70 % der neu vorgestellten Trike-Modelle elektrisch — getrieben von der nationalen „30@30"-Strategie, die bis 2030 einen E-Anteil von 30 % in der Fahrzeugproduktion anstrebt.
Eine Zahl mahnt allerdings zur Vorsicht: Die E-Anteilsquote bei Dreirädern fiel zwischen 2023 und 2024 von 32 % auf 13 %. Das war jedoch kein Markteinbruch, sondern Folge davon, dass eine große öffentliche Beschaffung (Fuhrpark der Stadt Bangkok) abgeschlossen war — die hohen Vorjahreszahlen waren staatlich getrieben. Tourismus liefert nun die nächste Welle: Hotels wie das Amari Bangkok setzen EV-Tuktuks für nachhaltige Stadttouren ein, ein Wasserpark in Phuket betreibt eine eigene E-Tuktuk-Shuttleflotte. Hauptbremse bleibt die Ladeinfrastruktur, die sich stark auf das Zentrum Bangkoks konzentriert.
Das Fazit des Vergleichs
Asiens E-Tuktuk-Wende zeigt exemplarisch, dass es nicht den einen Weg zur Elektromobilität gibt. Indien beweist, dass schiere Wirtschaftlichkeit eine Massenbewegung auslösen kann — schneller als jede Förderpolitik, aber chaotischer. Pakistan zeigt, wie ein Staat von oben Tempo vorgeben will, während die Industrie noch hinterherkommt. Und Thailand demonstriert, dass Image und Tourismus ein ebenso starker Hebel sein können wie der Preis. Wer Elektromobilität in Schwellenländern verstehen will, schaut am besten nicht auf die teuren E-Autos — sondern auf das knatternde Dreirad an der nächsten Straßenecke, das gerade verstummt.
→ Quellen: Mordor Intelligence: India Electric Rickshaw Market · IMARC: India Electric Rickshaw Market · Rest of World: Pakistan's electric rickshaws · Dawn: Rs9bn EV subsidy · Pakistan Today: National EV Policy 2025–30 · CleanTechnica: Thailand's Tuk-Tuks Evolve · TTG Asia: Amari Bangkok EV Tuk-Tuk
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